Interview mit Prof. Dr. Stefan Bratzel

Toyota hat nach einer langen Schwächephase im CCI-Index deutlich zugelegt. Hatte der Autobauer die Bedeutung des Connected Car unterschätzt?
Das würde ich so sehen. Toyota hat sich lange Zeit auf den Antriebssektor fokussiert – vielleicht zu lange und dabei fast die wichtigen Trends rund um das vernetzte Auto ein wenig verschlafen. Doch das Unternehmen hat die Power und Innovationskraft, um verlorenen Boden schnell wieder gut zu machen – mit der Marke Lexus als Speerspitze. Größe hat also auch Vorteile. Toyota wird sicherlich auch noch einen Gang höher schalten, um in Zukunft oben mitzuspielen.

Kommt es bei den Mobilitätsdienstleistungen zum Schlagabtausch zwischen neuer und alter Welt?
Wir erleben eine Erosion der Grundpfeiler der Automobilindustrie. Werfen Sie mal nur einen Blick auf die größten Anbieter unter den Fahrdienstvermittlern, dann verstehen Sie, was gerade passiert. Das schnelle Agieren beherrschen Unternehmen wie Uber oder Didi Chuxing hervorragend; sie fahren nicht auf Sicht. Das hat auch viel mit Unternehmenskultur zu tun. Die alten Player müssen einen Spagat zwischen Revolution und Evolution vollführen: Einerseits müssen sie ihr Geschäftsmodell rasch kannibalisieren, um künftig noch überleben zu können. Andererseits brauchen sie hierfür die Erträge aus dem sich wandelnden bisherigen Geschäft.

Bleibt die Schwäche in der Digitalwelt die Achillesverse der deutschen Industrienation?
Das ist wohl so – und ich vermute, diesbezüglich wird sich auch so schnell nichts ändern. Die Bunderegierung macht zu wenig in Sachen digitaler Transformation. Man hat das Gefühl von Stillstand. Doch wir sollten uns nicht darauf ausruhen, dass wir Exportweltmeister sind und die Wirtschaft boomt. Das könnte zu einem bösen Erwachen führen. Wer von  Leitmärkten spricht und bei vielen Technologien zur Weltspitze gehören möchte, muss auch eine Vision davon haben, wie wir uns als Industrienation in den kommenden zwanzig Jahren aufstellen wollen. Das fehlt mir persönlich. Das Land verkauft sich momentan unter Wert.

Das Interview führte Hilmar Dunker, Chefredakteur carIT
Prof. Dr. Stefan Bratzel

Prof. Dr. Stefan Bratzel

Leiter Center of Automotive Management (CAM)